Geschlechter: Auch die Männer müssen ran, wenn es um die Frauen geht

By | 28. Oktober 2015

Für Frauen existieren viele Hinderungsgründe, sich für ein politisches Ehrenamt auf kommunaler Ebene zu entscheiden. Negativ wirkt sich beispielsweise aus, dass nahezu ausschließlich Frauen um Frauen werben.

Wenn Anneliese Roth, frühere Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Frauenbeauftragten in Landkreisen und Städten Baden-Württemberg, in die Statistiken blickt, ist das kein Grund für einen Begeisterungsausbruch. Die Zahl der Stadt- und Kreisrätinnen ist zwar seit Mitte der 80er Jahre kontinuierlich gestiegen, der eigentliche Anteil von Frauen in der Bevölkerung von etwas mehr als 50 Prozent ist in den kommunalen Parlamenten aber noch längst nicht erreicht.

Nimmt man Kreis- und Gemeinderäte zusammen, so liegt der Anteil von Kommunalpolitikerinnen bei lediglich knapp einem Fünftel. „Das ist nicht sehr zufriedenstellend“, meint Anneliese Roth, verweist aber auch auf große Städte, in denen punktuell durchaus ein Frauenanteil von 40 Prozent erreicht wird.

An der Spitze stand einmal die Stadt Karlsruhe mit einem Anteil von 41,7 Prozent und gleich vier weiblichen Fraktionsvorsitzenden in der vergangenen Wahlperiode. Es blieb aber die Ausnahme und gehört schon längst wieder der Vergangenheit an. Viel typischer sind Verhältnisse wie in Fellbach, der Stadt, in der Anneliese Roth Gleichstellungsbeauftragte ist. Dort sind sechs von 35 Gemeinderäten weiblich.

Über das ganze Land verteilt finden immer wieder Seminare, Mentorinnenprogramme und Veranstaltungen statt, die speziell auf Frauen zugeschnitten sind und die zu einem Engagement in der Kommunalpolitik ermuntern sollen. „Und da muss noch viel mehr gemacht werden“, ist sich die Fellbacher Gleichstellungsbeauftragte sicher. Allerdings dürfe man das Werben nicht ausschließlich den Frauen überlassen. Dann seien die Erfolgschancen geringer. „Auch die Männer müssen um die Frauen werben“, fordert sie.

Und dieser Ansatz wiederum führt dazu, dass die Expertin dringenden Handlungsbedarf bei den Parteien und Wählervereinigungen sieht. „Wir brauchen dort mehr Offenheit, dass sie Frauen auch wollen“, formuliert sie. Weil aber in den kommunalen Gremien bislang in der Mehrheit eben Männer sitzen, seien auch die gefordert. Roth weiß aber, dass durch Kumulieren und Panaschieren bei Kommunalwahlen Frauen auch explizit aus den Listen herausgewählt werden können. „Auch wenn sie auf den guten Plätzen stehen“, sagt sie. Oder aber sie machten Plätze gut. Auf der kommunalen Ebene gehe es eben auch stark um Persönlichkeitswahlen. Das genaue Wahlverhalten bei Kommunalwahlen in Bezug auf Frauen ist noch nicht untersucht – mangels statistischer Daten. Sie werden bislang einfach nicht erhoben.

Ebenfalls genau zu analysieren sind nach Ansicht von Roth die Rahmenbedingungen, um zu wissen, warum eine Frau in die Kommunalpolitik geht oder – wie in den meisten Fällen – nicht geht. „Frauen wägen sehr wohl ab, was ihr Zeitbudget angeht und in der zur Verfügung stehenden Zeit kann man manchmal einfach nicht mehr leisten“. Bei Männern sei es schon eher so, dass sie „den Rücken freigehalten bekommen“. Schulleiter im Hauptberuf, Vereinsvorsitzender und weitere Ehrenämter – das komme in dieser oder in einer ähnlichen Kombination bei Männern viel häufiger vor. Und das fördere natürlich auch den Bekanntheitsgrad. In diesem Punkt sieht sie vor allem die bürgerlichen Parteien in der Pflicht, etwas zu tun.

Ein weiterer Hinderungsgrund ist nach Roths Ansicht, dass sich Frauen manchmal schwer für eine Partei oder Wählervereinigung entscheiden können. „Viele wollen sich einfach als Bürgerin engagieren und sich parteipolitisch nicht binden“. Auf einer freien Liste würden viele schon eher kandidieren. Doch das gibt es in Baden-Württemberg eher selten. Tatsächlich ist da ein gewisser Stallgeruch gefragt.

Wer dann wirklich als Frau kandidieren wolle, löse das über die größte Affinität zu einer Partei, glaubt Anneliese Roth. Und agiert damit wohl nicht anders als eine Vielzahl von Wählerinnen und Wählern, die in der Kabine das umgangssprachliche „kleinste Übel“ wählen. Das Aufstellen einer reinen Frauenliste bringt nach Ansicht der früheren LAG-Sprecherin nicht unbedingt die Lösung. „Das ist schwierig, weil man ja am Ende alle Themen abdecken muss, wenn man mit Vertreterinnen in das Kommunalparlament einzieht“.